Was ich als Führungsperson über Aufmerksamkeit, Zuhören und Fokus gelernt habe
In meiner Funktion als Leiter von fünf Teams führe ich jede Woche zahlreiche Gespräche mit Mitarbeitenden, Teamleitungen, Kunden und sonstigen beteiligten.
Lange Zeit war ich überzeugt, dass meine wichtigste Aufgabe als Führungsperson darin besteht, möglichst schnell eine Lösung zu finden.
Wenn mir jemand ein Problem schilderte, begann mein Kopf sofort zu arbeiten. Ich analysierte die Situation, suchte nach Ursachen und überlegte, welche Handlung nun sinnvoll wäre. Schliesslich bin ich als Führungsperson auch dafür verantwortlich, Entscheidungen zu treffen und Herausforderungen zu lösen.
Mit der Zeit habe ich jedoch etwas Interessantes beobachtet.
Gute Gespräche entstehen oft nicht durch bessere Antworten, sondern durch mehr Aufmerksamkeit und Fokus auf das Gegenüber.
Nicht jede Person, die zu mir kommt, sucht nach einer Lösung.
Manche suchen einen Rat.
Andere suchen Orientierung.
Und wieder andere möchten einfach erzählen, was sie beschäftigt.
Gerade als Führungsperson kann man leicht in die Falle tappen, vorschnell Antworten zu liefern. Schliesslich werden wir oft dafür bezahlt, Probleme zu lösen. Doch genau darin liegt manchmal das Problem.
Wenn wir zu früh mit Lösungen kommen, beantworten wir möglicherweise eine Frage, die gar nicht gestellt wurde.
Ich erinnere mich an viele Gespräche, in denen Mitarbeitende zu mir kamen und von einer belastenden Situation erzählten. Während sie noch sprachen, suchte ich innerlich bereits nach Lösungen. Ich wollte helfen, unterstützen und etwas beitragen.
Doch rückblickend glaube ich, dass ich dabei nicht immer das getan habe, was mein Gegenüber in diesem Moment tatsächlich gebraucht hätte.
Vor einiger Zeit bin ich auf eine einfache Frage gestossen, die mir seither immer wieder durch den Kopf geht:
Brauchst du Hilfe, Zuspruch oder einfach ein offenes Ohr?
Je länger ich darüber nachdenke, desto wertvoller finde ich diese Frage.
Denn sie zwingt uns dazu, zuerst zuzuhören, bevor wir handeln.
Manche Menschen möchten konkrete Informationen oder einen Rat. Dann sind Ideen und Lösungsvorschläge hilfreich.
Andere brauchen Verständnis, Mitgefühl oder die Bestätigung, dass ihre Gefühle nachvollziehbar sind.
Und manchmal möchte jemand einfach seine Gedanken aussprechen, ohne sofort unterbrochen oder korrigiert zu werden.
Mir ist dabei etwas Wichtiges bewusst geworden.
Aufmerksames Zuhören wirkt oft passiv, ist aber eine der anspruchsvollsten Fähigkeiten überhaupt.
Es erfordert Fokus, mentale Präsenz und die Fähigkeit, die eigenen Gedanken für einen Moment in den Hintergrund zu stellen.
Es bedeutet, nicht sofort zu bewerten.
Nicht sofort zu analysieren.
Nicht sofort eine Lösung zu präsentieren.
Sondern die volle Aufmerksamkeit beim Gegenüber zu behalten.
Genau das fällt vielen von uns schwer.
Wir leben in einer Zeit voller Ablenkungen. E-Mails, Nachrichten, Termine, soziale Medien und unzählige Informationen konkurrieren permanent um unsere Aufmerksamkeit.
Dadurch fällt es vielen Menschen schwer, in Gesprächen wirklich präsent zu sein.
Oft sind wir gedanklich bereits bei der nächsten Aufgabe, bevor unser Gegenüber ausgesprochen hat.
Vielleicht ist genau deshalb aufmerksames Zuhören heute wertvoller denn je.
Denn echtes Zuhören ist nicht passiv.
Es ist eine Form von Konzentration.
Eine Form von Respekt.
Und eine Form von Wertschätzung.
Interessanterweise beobachte ich das nicht nur im Berufsalltag. Auch privat passiert oft dasselbe. Jemand erzählt von einem Problem und die andere Person liefert sofort Lösungsvorschläge. Dabei wollte das Gegenüber vielleicht gar keine Lösung, sondern einfach Verständnis oder ein offenes Ohr.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, bessere Antworten zu finden.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, zuerst herauszufinden, was das Gegenüber überhaupt braucht.
Mein Fazit heute
Viele Missverständnisse entstehen nicht, weil wir zu wenig helfen wollen.
Sie entstehen, weil wir helfen möchten, bevor wir verstanden haben, welche Unterstützung gerade gefragt ist.
Eine der wertvollsten Fähigkeiten als Führungsperson ist deshalb nicht das schnelle Finden von Lösungen.
Es ist die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören.
Für mich ist das letztlich auch eine Form von Fokus und Konzentration.
Nicht auf die nächste Aufgabe.
Nicht auf die nächste Antwort.
Sondern auf den Menschen, der gerade vor uns sitzt.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Fähigkeiten im Berufsalltag, in Beziehungen und im Umgang mit anderen Menschen.
Denn manchmal braucht jemand einen Rat.
Manchmal braucht jemand Zuspruch.
Und manchmal braucht jemand einfach jemanden, der ihm für ein paar Minuten seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.
Genau dort beginnt aus meiner Sicht gute Führung.
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